Erschienen in: Demokratisches Gesundheitswesen – Zeitschrift für Gesundheits- und Sozialberufe, 11/1988, S. 14-15.

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Unser Gesundheitswesen ist krank. Vor allem die Krankenhäuser. Sie leiden unter der Politik der Bonner Sparkoalition und unter dem Chefarzt-System, aus denen nicht nur der chronische Pflegenotstand, sondern manches andere Leiden resultiert. Geldmangel und Pflegenotstand sind ganz allgemein bekannt. Nicht dagegen, daß das Chefarzt-System wesentlich zu den Krankheiten unseres Gesundheitswesens beiträgt.

Bei den Reformdiskussionen Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre stand dagegen vor allem dieses System im Kreuzfeuer der Kritik. Die konsequentesten Reformer forderten sogar seine Abschaffung, eben das klassenlose Krankenhaus. Aber es gelang den „Halbgöttern in Weiß“, ihr vordemokratisches, klassenmedizinisches System zu retten. Mit Drohungen und ein paar vernünftigen Konzessionen an die Reformer wehrten sie alles ab, was ihr Geschäft mit der Krankheit gefährden konnte. Die nachgeordneten Krankenhausärzte, als „Insider“ damals die gefährlichsten Gegner der Chefarztmonarchie, wurden durch Gewinnbeteiligung an den Privateinnahmen ihrer liquidationsberechtigten Chefs, über das sogenannte „Poolsystem“, zum Mitmachen und Schweigen verführt. Diese „Nebeneinkünfte“ erreichen für viele Ärzte Höhen, die weit über das Jahreseinkommen einer qualifizierten Pflegekraft hinausragen. So haben die „Halbgötter“ viele ihrer Kollegen zu „Viertelgöttern“ erhöht, die das Chefarzt-System und alle seine Nachteile für Patienten, Pflegekräfte, Versicherte und Steuerzahler, ja sogar für ihre eigenen Arbeitsbedingungen schweigend in Kauf nehmen. Natürlich spielt dabei auch die windige Aussicht eine Rolle, einmal selbst zum Olymp der „Halbgötter“ emporsteigen zu dürfen.

Fast könnte man glauben, heute sei in den Krankenhäusern alles in Ordnung. Aber manches ist unerträglicher als Anfang der 70er Jahre. Die ÖTV müßte es schon gemerkt haben. Sie sollte endlich die Initiative ergreifen und keine Angst vor Tabus haben. Im Pflegebereich gärt es schon. Und der Druck wird steigen, wenn Blüms Gesundheitsreform die Krankenhäuser noch kränker macht. Es wird zum offenen Konflikt kommen. Doch Blüms Reformversuche werden sowieso scheitern, wenn er ohne tiefgreifende Veränderungen der preistreibenden und sich gegenseitig schützenden und stützenden Strukturen, ohne Beseitigung des ambulanten Behandlungsmonopols der niedergelassenen Ärzte und ohne Brechung der Marktmacht der „Gesundheitsindustrie“ Kostendämpfungspolitik betreiben will. Jeder Reformversuch dieser Art konnte bislang erfolgreich abgewehrt werden. Was unter diesen Bedingungen gerade noch eben gelingen kann, ist Sozialabbau. Das Chefarzt-System ist also ein wesentlicher Teil des medizinischen und ideologischen Apparats zur Rechtfertigung des Geschäfts mit der Krankheit und zur Abwehr demokratischer und sozialer Reformen in unserem Gesundheitswesen. Was kostet uns das Chefarzt-System? Es kostet uns die wirkliche Chance, notwendige demokratische und soziale Reformen im Krankenhaus und im Gesundheitswesen insgesamt — und damit auch die durch sie zu erwartende Kostendämpfung — durchzusetzen. Das wird jedes Jahr unnötige Milliarden verschlingen und mit der Zeit auch andere, nicht in Geld ausdrückbare Werte zerstören, die für ein humanes Gesundheitswesen unverzichtbar sind.