Bis 1985 war es per Gesetz verboten, in Krankenhäusern Gewinne zu machen. In den Jahren nach 1985 wurde dieses Verbot zunehmend gelockert, bis es mit der Einführung der DRGs völlig wegfiel; die DRGs als Festpreissystem fördern systematisch ein Denken und Verhalten in Markt- und Wettbewerbskategorien, also Gewinn- und Verlustkategorien.

Weil es vor 1985 keinen Markt gab, gab es in Deutschland - außer ein paar privaten Spezialkliniken für Reiche - auch keine privaten Klinikketten, die systematisch versuchten in diesem Geschäftsfeld Gewinne zu machen. Seither sind die privaten Klinikketten (Fresenius-Helios, Rhön, Asklepios, Sana, Paracelsus, Mediclin, SRH) auf Einkaufstour. Die Zahl der Krankenhäuser, die in Besitz privater Klinikbetreiber sind, hat sich seit 1991 annähernd verdoppelt, die Zahl der Betten mehr als verdreifacht. Verlierer sind die öffentlichen Krankenhäuser. Zwischen 2002 und 2013 ist der Anteil der Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft von 37% auf 30% gefallen. In dieser Zeit war unter den öffentlich getragenen Krankenhäusern ein Trend der Umwandlung der öffentlichen Rechtsform in private Rechtsform zu beobachten um größere Flexibilität im Management zu erlangen und besser auf entsprechende Marktsituation regieren zu können. Während auch der Anteil der frei-gemeinnützigen Krankenhäuser von 39,5% auf 35,4% leicht zurückging, gewannen die privaten Krankenhäuser eindeutig hinzu. Sie konnten ihren Marktanteil von 2002 bis 2013 um 11,1 Prozentpunkte von 23,7% auf 34,8% erhöhen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Anzahl der Krankenhäuser nach Trägerschaft

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014, eigene Darstellung

Tabelle 1: Anzahl der Krankenhäuser nach Trägerschaft in %

Öffentlich

frei-gemeinnützig

Privat

insgesamt

Insgesamt

davon

in privatrechtl. Form

in öffentlich-rechtl. Form

2002

36,8

10,4

26,4

39,5

23,7

100

2013

29,9

17,7

12,2

35,4

34,8

100

Prozentpunkte

- 6,9

+ 7,3

- 14,2

- 4,1

+ 11,1

%-Veränderung

- 18,8 %

+ 70,2 %

- 53,8 %

- 10,4 %

+ 46,8 %

(-10,1 %)

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014, eigene Darstellung

Da vor allem kleinere Krankenhäuser privatisiert wurden, befinden sich weiterhin 48% der Betten in öffentlicher Trägerschaft. Die Bettenzahl macht aber auch deutlich, dass die privaten Krankenhauskonzerne ihren Marktanteil von 2002 bis 2013 von 9% auf 18% verdoppeln konnten (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Anzahl der Betten nach Trägerschaft

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014, eigene Darstellung

Tabelle 2: Anzahl der Krankenhäuser nach Betten in %

Öffentlich

frei-gemeinnützig

Privat

insgesamt

Insgesamt

davon

in privatrechtl. Form

in öffentlich-rechtl. Form

2002

54,5 %

14,7 %

39,7 %

36,7 %

9 %

100

2013

48 %

27,4 %

20,7 %

34 %

18 %

100

Prozentpunkte

- 6,5

+ 12,7

- 19

- 2,7

+ 9

%-Veränderung

- 11,9 %

+ 46,4 %

- 47,9 %

- 7 %

+ 50 %

(-8,5 %)

Quelle: Statistisches Bundesamt 2014, eigene Darstellung

Gewinne aus Krankenhäusern

Fresenius-Helios machte in den ersten drei Quartalen 2015 einen Gewinn von 352 Mio. Euro. Der Konzern strebt eine Gewinnmarge von 12-15% an. Rhön brüstet sich, jährlich hohe Dividenden an seine Aktionäre auszuschütten – alles Gelder der Beitragszahler, die eigentlich für eine gute Gesundheitsversorgung eingezahlt werden und dann in die Taschen der Aktionäre fließen.

Quelle: ver.di

Gründe für die „Erfolge“ der privaten Krankenhausbetreiber

Während viele öffentliche und freigemeinnützige Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, sind bestimmte Krankenhäuser für private Konzerne lukrativ. Die Befürworter der Privatisierung, der neoliberale Mainstream in Politik und Wissenschaft sieht dies als Belege für die Überlegenheit der marktwirtschaftlich aufgestellten Privaten an. Ein einfacher Blick auf die Fakten beweist das Gegenteil. Die „Erfolge“ der Privaten beruhen im Wesentlichen auf Rosinenpickerei, Arbeitsüberlastung und Lohndumping.

Rosinenpickerei: Private behandeln 16,7 % aller Patienten, aber 24,8% aller Kniegelenksarthrosen, 24,8% aller Bandscheibenschäden und 23,7% aller Hüftarthrosen. Umgekehrt kommen typische Erkrankungen von alten Menschen (Oberschenkelbruch, chronisch obstruktive Lungenerkrankungen) bei den Privaten nicht unter ihren TOP 20-Diagnosen vor. (Destatis, eigene Berechnungen)

Die 20 häufigsten Behandlungsanlässe* in den Krankenhäusern 2012 nach Art des Trägers
Deutschland insgesamt:

Rang

öffentlicher Träger

freigemeinnütziger Träger

privater Träger

ICD-10**

Anzahl

ICD-10**

Anzahl

ICD-10**

Anzahl

1.

Z38 (Geburt)

219.724

Z38 (Geburt)

192.600

I50 (Herzinsuff.)

62.267

2.

F10 (Alkohol)

187.904

I50 (Herzinsuff.)

140.511

Z38 (Geburt)

61.922

3.

I50 (Herzinsuff.)

183.306

F10 (Alkohol)

106.885

F10 (Alkohol)

50.085

4.

S06 (intrakran. Verletzung)

143.019

I48 (Vorhofflat/flim)

98.155

M17 (Gonarthrose)

48.652

5.

I48 (Vorhofflat/flim)

131.104

I20 (Angina pectoris)

87.181

I48 (Vorhofflat/flim)

48.026

6.

I63 (Hirninfarkt)

129.775

K80 (Gallensteine)

86.404

I83 (Varizen)

45.308

7.

I20 (Angina pectoris)

116.848

I10 (Hyptertonie)

86.175

I20 (Angina pectoris)

44.082

8.

I21 (Herzinfarkt)

115.283

J18 (Pneumonie)

85.924

I63 (Hirninfarkt)

43.493

9.

J18 (Pneumonie)

108.352

J44 (chron obstr. Lungenerkr.)

84.139

M54 (Rückenschmerzen)

42.964

10.

I10 (Hyptertonie)

107.786

M17 (Gonarthrose)

78.269

I25 (chron. isch. HK)

40.964

11.

K80 (Gallensteine)

102.196

S06 (intrakran. Verletzung)

75.323

M51 (Bandscheibe)

38.685

12.

I25 (chron. isch. HK)

89.415

C34 (Bronchial/Lungen-Ca)

75.254

M16 (Coxarthrose)

38.173

13.

J44 (chron obstr. Lungenerkr.)

86.810

K40 (Leistenbruch)

73.023

I21 (Herzinfarkt)

35.875

14.

I70 (Atherosklerose)

83.155

I21 (Herzinfarkt)

71.623

S06 (intrakran.Verletzung)

35.714

15.

C34 (Bronchial/Lungen-Ca)

81.299

M54 (Rückenschmerzen)

70.042

C34 (Bronchial/Lungen-Ca)

35.314

16.

R55 (Ohnmacht)

79.879

I70 (Atherosklerose)

69.170

I10 (Hyptertonie)

35.145

17.

S72 (OS-Bruch)

78.784

I63 (Hirninfarkt)

66.594

I70 (Atheriosklerose)

34.225

18.

M54 (Rückenschmerzen)

77.945

M16 (Coxarthrose)

66.484

F33 (rez. Depression)

33.339

19.

E11 (Diabetes)

76.821

E11 (Diabetes)

63.432

K80 (Gallensteine)

32.576

20.

G40 (Epilepsie)

75.450

S72 (OS-Bruch)

62.598

J18 (Pneumonie)

32.556

Alle Fälle

9.296.561

6.571.056

3.171.516

* Einschließlich Sterbe- und Stundenfälle.
** Int. Stat.Klassifikation Krankheiten / verwandter Gesundheitsprobleme ICD-10-GM Version des jeweiligen Berichtsjahres
Quelle: Sonderauswertung Destatis, eigene Berechnungen

Arbeitsüberlastung: Die privaten Träger sparen an Personal noch mehr als die nicht-profitorientierten Krankenhäuser. In öffentlichen Kliniken kommen auf eine Pflegekraft 56 Patienten, bei den Privaten ist das Verhältnis 1: 62,5. Ähnlich verhält es sich bei den Ärzten. Öffentlich: 1:113, privat: 1:138.

Tabelle 2: Patienten pro Beschäftigter nach Träger und Differenz öffentlich/privat in %

Quelle Destatis, Grunddaten der Krankenhäuser 2013

Lohndumping: Eine Pflegekraft verdient in privaten Krankenhäusern z.B. im Jahr 4.177 Euro weniger als in einem öffentlichen Krankenhaus. Private Krankenhausträger sind oft nicht tariflich gebunden oder haben deutlich schlechtere Tarifverträge. Insgesamt sind das 279,1 Mio. Euro Kostenvorteil durch niedrigere Löhne, wenn man vom Personalbestand der Privaten ausgeht.

Einsparpotential: Anzahl Pflegekräfte

Die privaten Träger sparen deutlich an Personalkosten wie man an der folgenden Tabelle sieht, die die Kosten pro Beschäftigter nach Beschäftigtengruppe und Trägern darstellt:

Kosten pro Beschäftigter

öffentlich

FGN/Kirche

privat

Diff. in Euro

Personalkosten insgesamt

63.562

63.840

61.364

2.198

Ärztlicher Dienst

111.846

116.508

113.212

-1.365

Pflegedienst

53.149

52.252

48.972

4.177

Medizinisch-technischer Dienst

53.173

50.745

49.288

3.884

Funktionsdienst

53.609

53.545

49.552

4.057

Klinisches Hauspersonal

33.290

31.816

29.693

3.597

Wirtschafts- und Versorgungsdienst

40.986

38.563

35.207

5.779

Technischer Dienst

54.024

53.694

48.963

5.062

Verwaltungsdienst

57.328

56.123

53.896

3.432

Quelle: Destatis, Grunddaten der Krankenhäuser und Kostennachweis der Krankenhäuser 2013

Probleme und Leidtragende der Privatisierung und Ökonomisierung

Auch die Patienten sind die Leidtragenden der Privatisierung. Dies belegt eine Studie aus den USA an Patienten mit Lungenentzündung vor und nach der Einführung von Marktmechanismen: Zwar sank die Verweildauer im Krankenhaus um 35 %, die stationären Kosten um 25% und die Sterblichkeit im Krankenhaus um 15%. Aber: Die Sterblichkeit in den ersten 30 Tage nach Entlassung nahm um 35% zu, eine Wiederaufnahme wg. Rückfall war um 23% öfter notwendig und die Verlegungen in ein Pflegeheim nahmen um 42% zu (aus: Mark L. Metersky, Janet P. Tate e.a.)

Ähnliche Ergebnisse zeigte eine Studie aus den USA an Patienten mit Schenkelhalsfraktur: Reduzierung der Verweildauer von 21,9 Tage auf 12,6 Tage. Aber: Reduzierung der Krankengymnastik-Anwendungen im Krankenhaus von 7,6 auf 6,3, die mögliche Gehstrecke bei Entlassung reduzierte sich von 27m auf 11m, die Entlassung in ein Pflegeheim stieg von 38% auf 60% an. Die Zahl der Patienten, die nach einem Jahr noch im Pflegeheim waren, stieg von 9% auf 33% (aus: John F. Fitzgerald, Patricia S. Moore)

Es ist nachgewiesen, dass die Zahl der Patienten, die eine Pflegekraft versorgen muss, massiven Einfluss auf die Sterblichkeit im Krankenhaus hat. Ein Patient mehr pro Pflegekraft (von 6 auf 7 Patienten) erhöht die Rate der Todesfälle im KH und bis 30 Tage nach Entlassung um 7%. (Aiken: Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries)

Dass der Gesundheitssektor in Deutschland ein bedeutender volkswirtschaftlicher Wachstumsbereich ist, in dem Milliarden umgesetzt werden, ist sowohl Arbeitgebern als auch potentiellen Investoren seit Ende der 1990er Jahre klar. Die Daseinsvorsorge ist ein lukratives Feld, wenn es gelingt, sie Markt- und Profitmechanismen zugänglich zu machen. Daran haben viele Bundesregierungen, aber auch die EU seit langem gearbeitet.

Fazit

Ein Verbot, in Krankenhäusern Gewinne zu machen, verbunden mit der Abschaffung der DRGs und der Wiedereinführung der kostendeckenden Finanzierung der Krankenhäuser, würde gleich mehrere Probleme beseitigen: die verheerenden Folgen der marktwirtschaftlichen Steuerung für Patienten und Beschäftigte und die Übernahmeversuche der Privaten. Ohne Gewinnaussichten würden diese das Interesse am Gesundheitswesen schnell wieder verlieren.

Literatur

Boris Augurzky / Adam Pilny / Ansgar Wübker: Krankenhäuser in privater Trägerschaft 2015, RWI Materialien Heft 89, hg. vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, Essen 2015

Destatis, Grunddaten der Krankenhäuser und Kostennachweis der Krankenhäuser 2013

Mark L. Metersky, MD; Janet P. Tate, MPH; Michael J. Fine, MD, MSc; Marcia K. Petrillo, MA; Thomas P. Meehan, MD, MPH: Temporal Trends in Outcomes of Older Patients With Pneumonia, Arch Intern Med. 2000;160(22):3385-3391. doi:10.1001/archinte.160.22.3385
(http://archinte.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=747557 – abgerufen am 08.01.2016)

John F. Fitzgerald, M.D., Patricia S. Moore, B.S., and Robert S. Dittus, M.D.: The Care of Elderly Patients with Hip Fracture, N Engl J Med 1988; 319:1392-1397November 24, 1988 (http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJM198811243192106)

Linda H Aiken, Douglas M Sloane: Nurse staffing and education and hospital mortality in nine European countries: a retrospective observational study, The Lancet, Volume 383, No. 9931, p1824–1830, 24 May 2014, http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2813%2962631-8/fulltext – abgerufen am 08.01.2016)

Statistisches Jahrbuch 2014, hg. vom Statistischen Bundesamt, Wiesbaden 2014